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Ralph Graeub:
Ein Leben im Kampf gegen die "sanften Mörder"
Die Gefährlichkeit der Radioaktivität im niedrigen Strahlenbereich beschäftigt die UDEO seit vielen Jahren. Wir möchten dieses Thema noch einmal aufgreifen und Ihnen den Chemiker und Schriftsteller Ralph Graeub vorstellen. Die Journalistin Kathrin Spring hat den Experten im Auftrag der UDEO besucht und mit ihm über sein Leben und seinen Kampf gegen die Atomtechnologie gesprochen.

Ein Leben im Kampf gegen die "sanften Mörder"

Über 40 Jahre lang hat Ralph Graeub eindringlich und unermüdlich vor den Gefahren der Atomenergie gewarnt. Mit seinem Buch "Der Petkau-Effekt - Katastrophale Folgen niedriger Radioaktivität" wurde er international bekannt. Zufrieden blickt der 86-Jährige auf sein Leben zurück.

Ralph Graeub sitzt am Esstisch in der Wohnung seiner jetzigen Lebenspartnerin Erika Gassmann in Kreuzlingen. Rund um ihn herum stapeln sich Bücher, Dossiers, Zeitschriften, Flugblätter. Er macht etwas Platz für den Schreibblock der Journalistin und beginnt sofort, ihren Wissensstand zu prüfen: "Was wissen Sie vom Thema, und wissen Sie überhaupt, was der Petkau-Effekt ist?" Befriedigt nimmt der Atom-Kritiker zur Kenntnis, dass sich die Journalistin - als Vorbereitung für das Gespräch - durch einige der Schriften, die nun auf dem Tisch liegen, gekämpft hat. Doch sicher ist sicher. Ralph Graeub zeichnet eine Kurve auf ein Blatt Papier - "hoffentlich verstehen Sie etwas von Logarithmen" - und erklärt den Petkau-Effekt:
"Dieser zeigt mögliche Gefahren durch geringste Dosen. Hingegen wird von der Internationalen Strahlenschutzkommission (ICRP) nach wie vor ungefähr "halbe Dosis - halbe Wirkung" propagiert. In Wirklichkeit sind aber auch die kleinen Dosen im unteren Teil der Kurve gefährlich - langfristig möglicherweise sogar viel gefährlicher als kurzzeitig einwirkende höhere Dosen." Gleichzeitig streite er jedoch nicht ab, dass ganz kleine Dosen in bestimmten Fällen nützlich sein könnten, fügt er hinzu. Trotzdem wäre es ihm nie in den Sinn gekommen, ein "radioaktives Heilbad" aufzusuchen.

Ralph Graeub kam 1921 in Liestal zur Welt. Als eine der ersten Familien kauften seine Eltern bereits 1923 ein Radio. "Das hat meine Jugend geprägt", erinnert sich Graeub, "denn schon als kleiner Bub wollte ich genau wissen, wie Radio funktioniert." Er begann, sich für die Technik und das Funken zu begeistern. Im Militär kam er wegen dieser Leidenschaft zum Abhördienst und hatte während des Zweiten Weltkriegs Geheimsender im Äther aufzuspüren.

Zum Beruf wollte Graeub sein Hobby jedoch nie machen. Er studierte Chemie an der ETH und arbeitete dann als Chemiker in der Textilindustrie in Zofingen, zuständig unter anderem für das Abwasser: "Bei dieser Arbeit habe ich gesehen, wie viele Schadstoffe in den Kreislauf der Natur gelangen, und habe gelernt, biologisch zu denken." In der Folge stellte der junge Mann seine ganze Ernährung um - "von Café Complet auf Bircher-Benner" - und begann, sich sportlich zu betätigen, lief vor oder nach der Schichtarbeit rasch aufs Sälischlössli bei Olten. "Nie mehr Grippe, keine Infektion mehr", lautet rückblickend sein Fazit.

Jetzt ist Ralph Graeub 86 Jahre alt. Über 40 Jahre lang hat er gegen Atomkraft gekämpft. Wie aber kam der Chemiker zu diesem Engagement? "In den Fünfzigerjahren begannen Amerika und Russland aufzurüsten. Wissenschafter, allen voran der amerikanische Strahlenforscher Ernest Sternglass, wiesen auf die Schädlichkeit der Strahler, insbesondere Strontium 90, hin, die mit den Atombomben-Tests freigesetzt wurden. Doch das wurde im Kalten Krieg verschwiegen", sagt Ralph Graeub. Zum Teil waren die Felder in Europa so stark belastet, dass 1963 im Deutschen Bundestag erwogen wurde, den Verkauf von dunklem Brot zu verbieten. "Die Frage, ob ich nun verseuchtes dunkles Brot oder ungesundes weisses Brot essen soll, hat mich aufgerüttelt", erklärt der Chemiker. Das Thema liess ihn nicht mehr los.

1972 erschien sein erster Bestseller "Die sanften Mörder - Atomkraftwerke demaskiert". Im ersten Teil dieses Buches zeigt Graeub auf, wie der Mensch ökologische Gesetze missachtet; im zweiten Teil legt er detailliert die Gefahren dar, die von Atomkraftwerken schon im Normalbetrieb ausgehen. Ebenfalls 1972 entdeckte Sternglass die Forschungen, die der kanadische Radiologe Abram Petkau im Atomenergielaboratorium Manitoba gemacht hatte. Petkau wies nach, "dass kleinste chronische radioaktive Strahlendosen bis zu 1000 Mal gefährlicher sein können, als bisher angenommen".

Ralph Graeub vertiefte sich in die Materie, und 1985 erschien im Zytglogge Verlag sein zweiter Bestseller "Der Petkau-Effekt". Graeub stellt darin fest, dass niedrige Radioaktivität Erbschäden, Krebs und Leukämie erzeugen kann und überhaupt die Zahl gesundheitlicher Risiken erhöht, aber auch die Umwelt nachteilig beeinflusst. Das Buch wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt, unter anderem ins Französische, Englische, Niederländische und Russische.

Nach der Publikation seiner 13 Bücher war Ralph Graeub ein gefragter Referent an Kongressen, Tagungen und Podiumsgesprächen. Er trat - zum Beispiel zusammen mit dem "Energiepapst" Michael Kohn - am Fernsehen auf. "Aber", sagt Ralph Graeub rückblickend, "sowohl die ICRP wie auch die nationalen Behörden und die Medien verschwiegen - in stiller Übereinkunft mit der Atomlobby - Erkenntnisse wie den Petkau-Effekt." Beweise für dieses "Stillhalteabkommen" gebe es viele, stellt er fest. Jüngstes Beispiel: "Ich fand keine grosse Schweizer Zeitung, die über den internationalen Kongress‚ 20 Jahre Leben mit Tschernobyl - Erfahrungen und Lehren für die Zukunft' berichtete, der im September 2006 in Feldkirch stattfand und an dem sich renommierte Fachleute aus zahlreichen Ländern inklusive Russland beteiligten." (1)

Es war vielleicht der letzte Kongress, an dem Ralph Graeub teilgenommen hat. Altershalber hat er "mit dem Thema abgeschlossen". Aber er blickt zufrieden auf sein Leben zurück. "Ich habe meinen Teil zum Kampf gegen die Atomenergie beigetragen. Niemand konnte die Erkenntnisse, die ich in meinen Büchern publiziert habe, widerlegen. Und diese Bücher sind das Wichtigste in meinem Leben, auch wenn ich damit nicht viel Geld verdient habe."

Ganz besonders freut er sich auch heute noch über die russische Ausgabe seines Buches "Der Petkau-Effekt": "Massgeblich veranlasst wurde diese Ausgabe von der russischen Wissenschafterin Elena Burlakova, die mit ihren Forschungen schon in den Fünfzigerjahren überlineare Effekte nachgewiesen und in diesem Sinn die Gefährlichkeit von niedrigen Strahlendosen unabhängig von Petkau bestätigt hat." Diese wichtigen Forschungen von Elena Burlakova wurden im Westen allerdings erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion bekannt. Graeub hat die Wissenschafterin mehrmals persönlich getroffen und auch für eine Fachzeitschrift interviewt.

Im Rückblick spricht Ralph Graeub von "Glück", dass er wegen seines öffentlichen Engagements gegen die Atomenergie nie die Arbeitsstelle verloren hat. Einzig an internationalen Textil-Kongressen ist er in seiner Funktion als Delegierter für Umweltschutz der Textilindustrie nicht mehr gefragt gewesen. Und noch etwas freut Ralph Graeub rückblickend: Sein Engagement gegen die Atomkraft war mit vielen Reisen verbunden, und auf einer dieser Reisen traf er Erika Gassmann, die jetzt seine Lebenspartnerin geworden ist.

Eine einzige Auszeichnung hat Ralph Graeub für all sein Engagement erhalten: die "Hans-Adalbert-Schweigart Medaille" des Weltbundes zum Schutze des Lebens. Sie wird für überragende Verdienste um den Schutz des Lebens verliehen. Bedingungen dazu sind sowohl Leistung als auch Anfeindung. Der Stiftungsgründer Schweigart hatte früh erkannt, dass es eine abhängige und eine unabhängige Wissenschaft gibt.

Zwar sei er auch für den alternativen Nobelpreis vorgeschlagen gewesen, erzählt Ralph Graeub, aber angesichts des Einflusses der Atomlobby erstaune es ihn nicht, dass er diese Auszeichnung nicht erhalten habe, versichert er. Auch dass sich der Widerstand in der Schweiz gegen weitere Atomkraftwerke jetzt nur zögerlich formiert, überrascht ihn nicht: "Die Jungen wissen wenig von der Gefährlichkeit der Atomenergie. Sie haben Tschernobyl nicht erlebt. Es braucht wohl noch einen weiteren Unfall (oder einen Terroranschlag) - näher bei uns und in einem dichter besiedelten Gebiet", sagt er zum Schluss.

Erika Gassmann serviert Kaffee und Gebäck. Ralph Graeub nimmt seine Unterlagen und legt sie aufeinander. "Nehmen Sie das alles mit", sagt er, "ich brauche es nicht mehr." Behalten wird er seine schon 1947 erhaltene Amateur Sendekonzession mit Rufzeichen HB9 EO.

(1) Der Kongress wurde als ärztliche Fortbildung von folgenden Organisationen anerkannt: Österreichische Ärztekammer, Schweizer Gesellschaft für Radioonkologie und Strahlentherapie, Schweizer Gesellschaft für Nuklearmedizin, Schweizer Gesellschaft für Fachärztinnen und Fachärzte für Prävention im Gesundheitswesen und Schweizer Gesellschaft für Allgemeinmedizin.
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